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Selbstanalyse für Dummies

Der fatale Monotheismus

Wir leben in einer Gesellschaft mit einem monotheistischen Glaubenssystem. Abrahamitische Religionen haben nicht nur unsere Vorstellung von „einem allmächtigen Gott“, sondern auch „einer unzerstörbaren Seele“ geprägt. In der Welt in der wir leben ist hingegen vieles ambivalent, fragil und in ständiger Veränderung. Hier müssen wir mindestens mit Dualismen wie „gut“ oder „böse“, „männlich“ oder „weiblich“ leben. Mit diesem „Schwarz-Weiss“-Denken kommen wir aber auch nicht zurecht, denn nicht alles in der Welt kann in eine dieser zwei „Schubladen“ gepackt werden.

Außerdem erfolgt jede Einordnung subjektiv, häufig kommt es auf unseren „Standpunkt“ an, wie wir etwas einordnen und morgen kann wieder alles anders aussehen. Ist „Kapitalismus“ gut und „Sozialismus“ böse oder ist es umgekehrt. Was ist Liberalismus dann und was und wo ist die „Mitte“? Wird aus einem demokratisch gewählten Präsident ein Diktator?

Können wir jemals objektiv sein und unserer Wahrnehmung trauen oder sehen wir nur was wir gerade sehen wollen oder sollen? Wir betrachten uns als fähig zu logischen Entscheidungen und Reflexion, aber wenn wir wirklich Dinge um uns herum gründlich untersuchen, werden wir feststellen, dass wir in den meisten Fällen unfähig sind sie „richtig“ einzuordnen.

Außerdem müssen wir letztlich doch meist unreflektiert „nach dem Bauchgefühl“ entscheiden, weil Informationen unzureichend sind aber die Zeit drängt - aber wo genau kommt dies Gefühl her? Wirklich aus dem Bauch oder aus den uns unzugänglichen Tiefen unseres „Selbst“?

Kämen wir unter anderen Randbedingungen, je nach „Laune“ zu einer anderen Entscheidung? Wahrscheinlich- auch wenn wir das vielleicht nicht wahrhaben wollen, denn diese Erkenntnis erschüttert unser Selbstvertrauen.

Was ist denn eigentlich dieses „Selbst“, wo kommt es her, ist es einfach da, von Gott gegeben, anerzogen, durch Medien, Priester, Berater, Werbung oder Politiker manipuliert? Sicher hat das alles einen Einfluss (die Existenz eines oder mehrerer „Götter“ ist in Frage zu stellen). Wir brauchen Selbstvertrauen, um in schwierigen Situationen schnell und „richtig“ zu entscheiden - oft bleiben uns nur Sekundenbruchteile - später müssen wir dann ein Leben lang zu dieser Entscheidung und ihren Folgen stehen.

Darum ist es fatal, wenn wir zuwenig über dieses „Selbst“, diese „Seele“ und unsre selbst erlebte aber oft in Teilen „verdrängte“ Biographie wissen. Erstaunlicherweise nehmen die meisten Menschen aber ihr „Selbst“ einfach als „naturgegeben“ hin und halten Beschäftigung mit sich selbst für egoistisch, „selbstsüchtig“, „selbstverliebt“ oder gar „narzisstisch“. Es wird uns häufig auch sehr unangenehm, auf was wir da stoßen - es kann wirklich gefährlich sein, auf verdrängte Traumata zu stoßen.

Für „Küchenpsychologen“ ist es meist überraschend zu erfahren, dass gerade pathologische Narzissten sich gar nicht selbst lieben können, weil ihnen die dazu notwendige Empathie fehlt und sie das nur durch ein grandioses, künstliches Selbstbild kompensieren, d.h. sie kennen sich selbst noch viel weniger als „normale“ Menschen - genau das ist ihr Kernproblem. Auch Ko-Narzissten, die sich in der Grandiosität eines „Führers“, einer „Nation“ oder eines Fußballclubs sonnen oder sich dafür aufopfern lassen sind narzisstisch - aus den gleichen Gründen wie ihre Ausbeuter. Der bekannte Psychoanalytiker H.J. Maaz hält unsere gesamte Gesellschaft für pathologisch narzisstisch - nicht nur den Einzelnen.

Ein monistisches oder dualistisches Weltbild, das Menschen dazu zwingt, sich selbst oder Andere komplett und willkürlich in die Schublade „gut“ oder „böse“ zu werfen ist fatal, denn das menschliche Selbst ist hochgradig ambivalent und variant. Der Irrglaube das Selbst als „Ganzes“ kompakt und unveränderlich zu verstehen führt in Krisen über innere Konflikte, Selbstzweifel und Selbsthass oft zu Persönlichkeits-Störungen, Depression oder psychosomatischen Erkrankungen. Wer seine „dunklen“ Seiten gar nicht kennt, verdrängt und nicht als Teil des Selbst begreift liefert sich ihnen aus und wird sicher gelegentlich von ihnen kontrolliert und muss danach mit den Folgen leben oder sich selbst auch weiterhin verleugnen.

Bewusst Sein

Will man wissen, wer man ist bzw. was das Selbst ausmacht, muss man dieses erst mal wahrnehmen (Selbstwahrnehmung). Dazu braucht es ein Bewusstsein (Selbstbewusstsein). Wahrnehmungen sind leider stets subjektiv, d.h. werden durch das Selbst „zensiert“, bei etwas so buchstäblich wenig „Begreif“ -baren ist einer direkten sinnlichen Wahrnehmung noch weniger zu trauen als gegenüber Dingen die wir sehen oder hören können. Der größte Teil des Selbst entzieht sich einer direkten Beobachtung weil es uns gar nicht bewusst ist, also unserem Bewusstsein unzugänglich, „unbewusst“ respektive „unterbewusst“ ist.

Andere Kulturen haben hier Werkzeuge wie etwa Meditation geschaffen, einen Zustand der „Versenkung“ oder „Trance“ zu erreichen, um eine Selbstschau (Introspektion) zu erleichtern, um an jene Teile des Selbst zu kommen, die uns bei voller „Bewusstheit“ nicht zugänglich sind. Aber auch hier lauert der „Zensor“ der Wahrnehmung und die Entstehung eines falschen Selbstbilds kann durch Meditation sogar noch begünstigt werden.

Zumindest hilft die Meditation dabei, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass das Selbst ein komplexes Gebilde ist, das aus vielen Teilen besteht, von denen die meisten wertfrei wahrgenommen werden müssen, denn bei jeder Bewertung ist wieder ein „innerer Zensor“ am Werk, der eine objektive Wahrnehmung unmöglich macht. Wenn eine Introspektion ohne Bewertung gelingt, ist das schon ein großer Schritt zur Selbsterkenntnis und einem erweiterten Bewusstsein.

Allein und durch „Selbstreflexion“ kommt man kaum zu diesem Ziel, Maya, die „Göttin der Verblendung“, lauert überall. Man hat zu sich selbst eben keinen wirklichen Abstand, kann seiner Selbstwahrnehmung nicht trauen und baut ein falsches Selbstbild auf zensierten und verfälschten Daten auf - dabei können auch authentische Erinnerungen durch (Auto-)Suggestion verfälscht werden (false memory syndrome).

Beziehungen

Die Erkenntnis des Subjekts, bzw. des Selbst erfordert eine Abgrenzung von den „Anderen“ (Psychoanalytiker sprechen hier von „Objekten“). Ohne Andere gibt es auch kein Selbst und das muss jeder Mensch erst im Rahmen seiner Persönlichkeitsentwicklung lernen, um ein stabiles Selbst aufbauen zu können. Von größter Wichtigkeit ist dabei das „Primärobjekt“, welches jeder Mensch zuerst kennen lernt - seine Mutter. Ein großer Bereich des Neocortex (unseres Großhirns) hat die Aufgabe, soziale Beziehungen zu ermöglichen. Gesunde Menschen können die „Spiegelneuronen“ in diesem Hirnareal nutzen, um Gefühle und Stimmungen im Gesicht des Gegenübers zu „lesen“ und diese auch empfinden. Dieses auch Empathie genannte „Mitgefühl“ kann ohne eine gute Mutter-Kind Beziehung nicht erworben werden und führt bei einer gestörten Beziehung zu Psychopathie oder Narzissmus. Natürlich gibt es auch Hirnerkrankungen und genetische Defekte - Autisten etwa haben wenig Spiegelneuronen, was ihnen eine Kommunikation mit anderen Menschen sehr erschwert.

Das Spiegelstadium erfolgt zwischen dem sechstem und achtzehntem Lebensmonat eines Kinds und führt zur Entstehung des Selbstbewusstseins - das Kind lernt, sich im Spiegel zu erkennen und von anderen abzugrenzen. Gelingt dies nicht wegen fehlender oder gestörter Mutter-Kind Beziehung (etwa wegen einer Krankheit von Mutter oder Kind), sind Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus oder ein Borderline-Syndrom zu erwarten.

Aus den Erfahrungen mit dem Primärobjekt aufbauend lernt das Kind weitere Objekte kennen und soziale Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Eine Mutter lehrt vor allem der Introversion, also die Selbstwahrnehmung und Empathie, ein Vater ist hilfreich für die Extraversion, also den Aufbau von Beziehungen zu fremden Menschen, zu denen keine engen Bindungen aufgebaut werden.

Traumata

Ein Trauma - die Vernachlässigung des Kindes in frühen Entwicklungsstadien - wurde bereits oben genannt. Es gibt aber noch stärker belastende, nämlich die Erfahrung von Gewalt in frühen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung. Im evolutionär sehr altem Kernbereich des Gehirns, dem limbischen System befindet sich der Hippocampus, unser Gedächtnisspeicher und auf beiden Hirnhälften ein Mandelkern (Amygdala) genannter Bereich, unser „Notfallsystem“.

In einer lebensbedrohenden Situation können wir nicht lange nachdenken und müssen schnell reagieren. In unseren Neocortex ablaufende Denkprozesse sind hierbei deutlich zu langsam, das limbische System funktioniert „instinktiv“ sehr schnell, aber mit festgelegten und sehr begrenzten Handlungsmöglichkeiten.

Auf eine lebensbedrohende Situation reagieren Gehirne von Warmblütern und Echsen automatisch mit folgenden Verhaltens-Mustern:

Phase Name Bedeutung
1 freeze (Wachsamkeit) Mensch/Tier erstarrt und richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf die Gefahr
2 flight (Flucht) sobald sich eine Fluchtmöglichkeit ergibt, wird diese genutzt
3 fight (Kampf) besteht keine Fluchtmöglichkeit, ist Angriff eine mögliche Option
4 fright (Erstarrung) besteht keine Handlungsmöglichkeit stellt sich das Opfer tot, um letzte Kräfte für 2. oder 3. aufzusparen
5 faint (Ohnmacht) das Opfer verliert das Bewusstsein (Totstellreflex)

Bei Menschen liegt zwischen 4 und 5 noch ein Dissoziation genannter Zustand. Wird dieser jemals erreicht, bleibt ein Trauma zurück. Da Kleinkinder in einer Notlage weder flüchten noch kämpfen können, geraten sie in einer als lebensbedrohlich wahrgenommenen Situation in eine solche Dissoziation.

Da im Zustand 4 (fright) bereits Großhirn und alle nicht lebenswichtigen Körperfunktionen „abgeschaltet“ sind, können Wahrnehmungen vom Gehirn nicht mehr korrekt verarbeitet werden. Dem für Gedächtnis / Erinnerungen zuständige Hippocampus fehlen Informationen über Zeitpunkt und Ort des traumatischen Geschehens und die Wahrnehmungen werden asynchron und unverknüpft zu normalen Erinnerungen gespeichert, d.h. diese Reize sind nur noch mit dem „Alarmsystem“ der Amygdala verknüpft.

Ein Mensch hat somit keine echte Erinnerung an ein Trauma, während der Dissoziation ist sein Bewusstsein ja ausgeschaltet, aber Reize ähnlich denen zum Zeitpunkt der Traumatisierung lösen eine „Reinszenierung“ des Geschehens (Flashback) aus. Treten traumatisierende Situationen (etwa Missbrauch/Gewalt) wiederholt auf, lernt das Opfer zu dissoziieren, es wird für wehrlose Opfer zur einzig möglichen Überlebensstrategie. Das dabei enstehende „komplexe Trauma“ führt bei unvollständiger Persönlichkeitsentwicklung zu mehreren unvollständigen von einer Kernidentität (Host) abgespaltenen Teilidentidäten (Alters), die mit Trauma-Erfahrungen in Beziehung stehen, aber auch über den Host nicht erreichbar sind. Das nennt sich dann „dissoziative Identitätsstörung“ (DIS), früher gab es dafür die irreführende Bezeichnung Multiple Persönlichkeits Störung (MPS).

DIS ist jedenfalls die schwerste Form einer dissoziativen Störung und um so schwer wiegender, je früher in der kindlichen Entwicklung die Traumatisierung erfolgte. Trotzdem schaffen es nicht wenige Menschen, damit relativ „unauffällig“ so etwas wie eine „anscheinend normale Persönlichkeit“ (ANP) auszubilden, sie müssen aber immer mit „Switches“, also Umschaltung der gelebten Identität oder durch Trauma-ähnliche Situationen ausgelösten Flashbacks rechnen.

Außerdem kommt es durch Konflikte zwischen den oft gar nicht oder als Stimme wahrgenommenen Alters und anderen im Unterbewusstsein aktiven Persönlichkeits-Anteilen zu „Komorbiditäten“, die sich als Persönlichkeitsstörung, Panikattacke, extreme Stimmungsschwankungen (Depression, (Hypo-)Manie) oder Somatisierung (psychosomatische Erkrankung) niederschlagen.

Mir geht es in diesem Artikel aber weniger um diese extremen und relativ seltenen Formen von Dissoziation, bei denen es zu Abspaltungen kommt. Ich möchte primär den Unterschied solcher Abspaltung zu Verdrängung verdeutlichen, denn davon ist sicher jeder Mensch betroffen. Dieser Abschnitt soll verhindern das „Unos“ also „normale“ Menschen mit nur einer Identität sich für „multipel“ halten, wenn die den Folgetext missverstehen. Ohne fortgesetzte lebensbedrohende Traumatisierung in der Kindheit wird kaum eine „echte“ DIS entstehen, „harmlosere“ Persönlichkeitsstörungen mit verdrängten „Anteilen“ bis hin zu Narzissmus und Borderline hingegen schon.

Rollen

Der „Mechanismus Dissoziation“ tritt bei jedem Menschen auf, ist auch wichtig fürs Leben, wird von gesunden Betroffenen aber so wenig wahrgenommen, dass sie der Illusion verfallen, ihre Wahrnehmung und ihre Verhaltensmuster wären immer gleich. Erst wenn es zwischen den Anteilen zu „inneren Konflikten“ kommt oder der Betroffene „aus der Rolle fällt“ indem er sich ungewöhnlich kindisch, cholerisch überängstlich verhält, fallen solche Anteile auf - meist eher anderen Menschen als dem Betroffenen selbst. Innere Konflikte können ferner Unsicherheit, Selbstvorwürfe, Selbsthass oder gar Selbstverletzung auslösen, dazu braucht es gar nicht ein wirkliches Trauma mit dem oben beschriebenem Verlauf.

„Normale“ Dissoziation fokussiert unser Selbst als bewußt erlebtes „Ich“ auf eine Alltagssituation in einer privaten oder beruflichen Rolle. Wir alle „spielen“ bzw. „leben“ gerade heute eine Vielzahl solcher Rollen. Viele von uns haben noch Eltern oder Großeltern, Kinder oder Geschwister, haben unterschiedliche Funktionen in Betrieben und Vereinen oder auch nur mit anderen Menschen gemeinsame Interessen. Für jede dieser sozialen Bindungen entwickeln wir Rollen.

Diese Rollen setzen sich aus für die Kommunikation mit diesen „Anderen“ optimierten Wahrnehmungsfiltern, Glaubens- und Verhaltensmustern zusammen. Wir verhalten uns im Kreise unserer Lieben, beim Spielen mit den Kindern, bei der Arbeit oder einem Sport- oder Karnevals- Ereignis immer situativ angepasst, wenn uns das nicht gelingen würde, hätten wir eine Anpassungsstörung (adaption disorder).

Dissoziation tritt dabei dann auf, wenn wir in einer Rolle Informationen brauchen, die nur für andere Rollen relevant sind. Solche „Teilamnesien“ treten etwa auf, wenn ein gewissenhafter Buchhalter während einer Karnevalssitzung, einem Fußball- oder Videospiel einen Anruf aus der Firma erhält und Details der am selben Tag erstellten Bilanz erklären soll. So etwas ist natürlich auch Ursache für Stress oder innere Konflikte, denn diese Umschalterei ist anstrengend und zermürbend und irgendwann ist der Buchhalter weder Buchhalter noch Fußballfan sondern „wütendes inneres Kind“ und ertränkt das Smartphone im Bierkrug oder wirft es auf den Grill - für ein gesundes Selbst, ist das dann jedenfalls die beste Reaktion, denn sie kompensiert den emotionalen Stress.

Manche Rollen enden mit den sozialen Bindungen, für die sie entstanden, sie bleiben aber im Langzeitgedächtnis bzw. Unterbewusstsein gespeichert, entwickeln sich aber nicht weiter. Ihre Wahrnehmungsfilter und Verhaltensmuster bleiben aber über das Unterbewusstsein wirksam und beeinflussen unsere Entscheidungen und Gefühle. Ältere Rollen sind auch mit unangenehmen Erinnerungen verknüpft oder widersprechen aktuellen Verhaltensmustern. Im Gegensatz zu der bei Traumata beschriebener „Abspaltung“ setzt hier nun eine eine mentale Verarbeitung (im Neocortex) statt und die unangenehmen Erinnerungen oder nun als falsch bewerteten Verhaltensmuster werden „verdrängt“, d.h. sie sind per bewusster Erinnerung dem „Ich“ nicht mehr erreichbar. Im Trance- Zustand oder Hypnose können die „mentalen Sperren“, die man auch als „Wächter-Anteil“ symbolisieren kann, überwunden werden, um verdrängte Anteile aufzudecken. Das gelingt bei Abspaltungen auf diesem Wege nicht direkt, weil im dissoziierten Zustand Informationen nicht gespeichert wurden.

—– wird fortgesetzt —–

personality/start.txt · Zuletzt geändert: 2016/07/19 09:06 von klaus